Der Welt nicht mehr verbunden: Die wahren Ursachen von Depressionen - und unerwartete Lösungen

Der Welt nicht mehr verbunden: Die wahren Ursachen von Depressionen - und unerwartete Lösungen

by Johann Hari

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Overview

»Wenn Sie sich jemals niedergeschlagen oder verloren gefühlt haben, wird dieses Buch ihr Leben ändern.« Elton John

»Eine wunderbare und bestechende Analyse.« Hillary Clinton

»Ein Buch, das viel über unsere innere Verzweiflung und unseren Lebenswandel verrät« Naomi Klein

»Ein brillanter, anregender und radikaler Ansatz zur psychischen Gesundheit« Matt Haig

Seit seiner Kindheit leidet Johann Hari unter Angstzuständen, Gefühlen von Traurigkeit und unendlicher Leere. Mit achtzehn bekommt er die Diagnose: Depression. Es folgt die langjährige Behandlung mit Antidepressiva. Doch trotz Anpassung der Dosis und Phasen der Besserung hat Hari das Gefühl: Die Depression hat ihn im Griff. Er beginnt die ärztliche Strategie zu hinterfragen: Sind Depressionen zwangsläufig auf ein biochemisches Ungleichgewicht im Gehirn zurückführen? Können Medikamente langfristig die Lösung sein? Und welche Rolle spielt die Pharmaindustrie dabei?
Was er entdeckt, stellt seine Einstellung radikal auf den Kopf: Denn für unsere Interpretation von Depression gibt es keinerlei Beweise. Im Gegenteil. Nach zahlreichen Gesprächen mit Medizinern, Psychologen, Sozialwissenschaftlern und Betroffenen auf der ganzen Welt, weiß er: Die wahren Ursachen von Depression liegen ganz woanders – und wir können etwas gegen sie tun.
Persönlicher Erfahrungsbericht und kluge Gesellschaftsanalyse zugleich, trifft Hari mit seinem Buch den Nerv unserer Zeit.

Product Details

ISBN-13: 9783959678230
Publisher: HarperCollins Publishers
Publication date: 02/01/2019
Sold by: Readbox
Format: NOOK Book
Pages: 448
File size: 975 KB

About the Author

Johann Hari hat u.a. für die New York Times, Guardian und Le Monde geschrieben. Für seine journalistische Arbeit wurde er mit dem Martha Gellhorn Prize for Journalism ausgezeichnet und zweifach zum Journalisten des Jahres ernannt. Sein Enthüllungsbuch "Drogen. Die Geschichte eines langen Krieges" wurde in elf Sprachen übersetzt und wird derzeit verfilmt. Sein vielbeachteter TED-Talk über die Funktionsweise und Lösung von Süchten hat bereits 20 Millionen Zuschauer erreicht.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Der Zauberstab

Dr. John Haygarth war ratlos. In der englischen Stadt Bath – und an diversen Orten in der ganzen westlichen Welt – geschah etwas Außerordentliches: Menschen, die jahrelang der Schmerz gelähmt hatte, erhoben sich von ihrem Krankenbett und konnten wieder laufen. Ob sie nun an Rheumatismus oder den Folgen harter Arbeit litten – es hieß, sie dürften wieder Hoffnung schöpfen. Hoffnung auf Besserung. So etwas war noch nie da gewesen.

Haygarth wusste, dass eine Gesellschaft, gegründet von dem Amerikaner Elisha Perkins aus Connecticut, vor Jahren angekündigt hatte, man habe ein Heilmittel für Schmerzen aller Art gefunden – und es gab nur eine Möglichkeit, es zu erlangen: Man musste für den Einsatz eines massiven Metallstabs bezahlen, den die Gesellschaft hatte patentieren lassen und als »Tractor« bezeichnete. Er habe besondere Eigenschaften, die die Firma leider nicht preisgeben könne, weil sonst Konkurrenten den Tractor kopieren und sie um den Gewinn bringen würden. Wer jedoch die Heilkräfte des Tractors brauche, würde von einer dafür geschulten Person zu Hause oder im Krankenhaus besucht, worauf man dem Kranken feierlich erklärte, der Tractor würde – so wie ein Blitzableiter die Blitze – die Krankheit aus dem Körper ziehen und sie in die Luft austreiben. Anschließend fuhr die geschulte Person mit dem Tractor über den Körper des Patienten, ohne ihn auch nur zu berühren.

Sie werden ein Hitzegefühl verspüren, vielleicht sogar ein Brennen, hieß es. Und dabei wird der Schmerz kontinuierlich abgezogen. Können Sie es nicht fühlen?

Sobald diese Prozedur durchgeführt war, zeigte sich der Erfolg. Viele zuvor von Schmerz gepeinigte Menschen standen tatsächlich auf. Ihr Leiden ließ wirklich nach. Zahlreiche scheinbar hoffnungslose Fälle wurden wieder mobil – erst einmal.

Dr. John Haygarth konnte sich nicht erklären, wie das möglich war. Nach allem, was er in seiner medizinischen Ausbildung gelernt hatte, war die Behauptung, Schmerz sei eine körperlose Energie, die einfach in die Luft ausgetrieben werden könne, blanker Unsinn. Aber hier gab es Patienten, die ihm versicherten, dass es funktionierte. Nur ein Narr, so schien es, konnte die Wirksamkeit des Tractors noch anzweifeln.

Also beschloss John Haygarth, ein Experiment durchzuführen. Im General Hospital der Stadt Bath nahm er einen Holzstab und umkleidete ihn mit einem alten Stück Metall. So bastelte er sich einen »Fake- Tractor«, dem die geheimen Eigenschaften der offiziellen Version fehlten. Er ging damit zu fünf Patienten in seiner Abteilung, die durch chronische Schmerzen, darunter Rheumatismus, stark beeinträchtigt waren, und erklärte ihnen, er habe einen der inzwischen berühmten Perkins-Zauberstäbe dabei und könne ihnen damit helfen. Am 7. Januar 1799 behandelte er im Beisein von fünf angesehenen Ärzten, die als Zeugen fungierten, die Leidenden mit dem vermeintlichen Zauberstab. Von den fünfen, wie er wenig später notierte, »glaubten vier der Patienten, eine sofortige und drei eine erhebliche Linderung durch den falschen Tractor zu verspüren«. Ein Mann, der unter unerträglichen Schmerzen im Knie gelitten hatte, begann ohne Hilfe zu gehen – und demonstrierte dies den Ärzten voller Freude.

Haygarth schrieb einem Freund, einem anerkannten Arzt in Bristol, und bat ihn, dieses Experiment ebenfalls durchzuführen. Kurze Zeit später meldete sein Freund, erstaunlicherweise habe sein unechter Tractor – ebenfalls ein mit Metall umkleideter Stock – dieselben bemerkenswerten Ergebnisse hervorgebracht. Zum Beispiel gab es einen dreiundvierzigjährigen Patienten namens Robert Thomas, der so starke rheumatische Schmerzen in der Schulter hatte, dass er seine Hand seit Jahren nur noch auf dem Knie ruhen lassen konnte – als sei sie dort festgenagelt. Aber nur vier Minuten nach der Behandlung mit dem Zauberstab hob er die Hand um gut zehn Zentimeter an. Da an den nächsten Tagen immer wieder der Stab über ihm geschwungen wurde, dauerte es nicht lange und er konnte bereits den Kaminsims erreichen. Nach acht Tagen der Behandlung konnte er ein Holzbrett berühren, das sich dreißig Zentimeter oberhalb des Kaminsimses befand.

So geschah es mit einem Patienten nach dem anderen. Und die Ärzte fragten sich: Konnte es sein, dass einem Stock Kräfte innewohnten, von denen man zuvor nichts gewusst hatte? Um dies herauszufinden, variierten sie das Experiment, indem sie einen alten Knochen in Metall hüllten. Dieser funktionierte ebenso gut. Auch eine alte Tabakpfeife wurde mit Metall umkleidet. »Mit demselben Erfolg«, notierte Haygarth trocken. »Niemals war ich Zeuge einer kurioseren Farce; wir wagten kaum, einander in die Augen zu sehen«, schrieb ihm ein anderer Arzt, der das Experiment wiederholt hatte. Die Patienten hingegen schauten die Ärzte an und sagten mit Inbrunst: »Gott segne Sie, Sir.«

Rätselhaft war allerdings, dass bei einigen Patienten der Effekt nicht anhielt. Nach dem anfänglichen Wunder stellte sich die Lähmung wieder ein.

Was ging da nur vor sich?

* * *

Als ich mit den Recherchen für dieses Buch begann, beschäftigte ich mich ausgiebig mit der wissenschaftlichen Debatte über Antidepressiva, die seit mehr als zwei Jahrzehnten in den medizinischen Fachzeitschriften geführt wird. Überrascht stellte ich fest, dass offenbar niemand ganz genau weiß, was diese Medikamente mit uns machen und warum – einschließlich der Wissenschaftler, die sich lautstark für sie einsetzen. Es herrscht große Uneinigkeit unter den Experten und keineswegs Konsens. Aber ein Mann wurde, wie ich sah, in dieser Debatte häufiger zitiert als jeder andere – und als ich mich über seine Erkenntnisse informierte, seine Fachaufsätze und sein Buch The Emperor's New Drugs las, stellten sich bei mir zweierlei Reaktionen ein.

Zuerst spöttelte ich; seine Behauptungen schienen absurd und widersprachen meiner eigenen unmittelbaren Erfahrung in vielerlei Hinsicht. Und dann wurde ich wütend. Er schien die Säulen umzustoßen, auf denen meine Version der Geschichte stand. Er bedrohte, was ich über mich und meine Depression wusste. Sein Name war Professor Irving Kirsch, und als ich ihn in Massachusetts aufsuchte, war er stellvertretender Direktor eines maßgeblichen Programms an der Harvard Medical School.

* * *

In den Neunzigerjahren hatte Kirsch in seinem mit Bücherregalen gefüllten Büro gesessen und seinen Patienten erklärt, sie sollten Antidepressiva nehmen. Er ist ein großer, grauhaariger Mann mit einer sanften Stimme, und ich kann mir vorstellen, mit welcher Erleichterung sie diese Empfehlung aufnahmen. Manchmal, so fiel ihm auf, wirkten die Medikamente und dann wieder nicht, aber er zweifelte nicht an der Erklärung für ihre Erfolge: Depressionen wurden durch einen niedrigen Serotoninspiegel ausgelöst, und diese Medikamente hoben ihn an. Also schrieb er Bücher, in denen er die neuen Antidepressiva als gute, wirksame Behandlung darstellte, die durch Psychotherapie ergänzt werden sollte, um zugleich bestehende psychologische Probleme zu behandeln. Kirsch glaubte den Forschern, die ihre umfangreichen Ergebnisse publiziert hatten, und er sah mit eigenen Augen die positiven Auswirkungen, wenn es seinen Patienten nach einiger Zeit besser ging.

Aber Kirsch war zugleich ein weltweit hoch angesehener Experte auf einem Gebiet, das in Bath begründet wurde, als John Haygarth erstmals seinen falschen Zauberstab schwang. Damals hatte der englische Arzt erkannt, dass ein Patient bei einer Behandlung mit Medikamenten eigentlich zweierlei bekommt. Zum einen erhält er eine Arznei, die in der Regel irgendeine chemische Wirkung auf den Körper zeigt. Zum anderen bekommt er eine Geschichte, die schildert, wie sich die Behandlung auf ihn auswirken wird.

So erstaunlich es scheinen mochte, Haygarth erkannte, dass die Geschichte, die man dem Patienten präsentiert, oft genauso wichtig ist wie das Medikament selbst. Woher wissen wir das? Weil die Patienten, die nichts außer einer Geschichte erhalten – zum Beispiel, dass dieser alte, mit Metall ummantelte Knochen ihre Schmerzen heilen wird –, außerordentlich häufig beschwerdefrei werden.

Dieses Phänomen wurde als Placeboeffekt bekannt, und in den letzten zweihundert Jahren hat man seine Existenz mit umfangreichen wissenschaftlichen Belegen bewiesen. Mediziner wie Irving Kirsch haben bemerkenswerte Auswirkungen von Placebos beobachtet. Sie beeinflussen nicht nur, wie wir uns fühlen – unter Umständen haben sie sogar körperliche Auswirkungen. So kann ein Placebo dafür sorgen, dass eine Entzündung im Kiefer abheilt. Oder ein Magengeschwür kurieren. Wenigstens ansatzweise und bis zu einem gewissen Grad kann es die meisten medizinischen Leiden mildern. Wenn wir damit rechnen, dass es wirkt, dann wird es vielen von uns helfen.

Wissenschaftler stoßen seit Jahren immer wieder auf den Placeboeffekt. Dabei geraten sie oft ins Staunen. Ein Beispiel: Als die Alliierten im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis kämpften, gab es so viele Verwundete mit schwersten Verletzungen, dass den Sanitätern häufig die opiathaltigen Schmerzmittel ausgingen. Henry Beecher, ein amerikanischer Anästhesist, der an der Front stationiert war, befürchtete, dass die Soldaten an Herzversagen sterben würden, wenn er sie ohne Betäubung operierte. Weil er sich keinen Rat mehr wusste, führte er ein Experiment durch. Er versicherte den Männern, sie erhielten Morphium, obwohl er ihnen in Wirklichkeit nur eine Salzwasserinfusion verabreichte. Sie schrien nicht, sie heulten nicht, und sie erlitten auch keinen Schock. Es funktionierte.

Mitte der Neunzigerjahre war Irving Kirsch der weltweit führende Experte auf diesem Gebiet, und er war im Begriff, in Harvard eine leitende Stellung in einem Forschungsprogramm zum Placeboeffekt anzutreten. Allerdings glaubte er, dass die neuen Antidepressiva tatsächlich besser waren als Placebos – dass sie eine echte chemische Wirkung zeigten, und dies aus einem einfachen Grund. Wenn man ein Medikament in den Handel bringen will, muss man ein strenges Verfahren durchlaufen. Das Medikament wird an zwei Gruppen getestet: Die eine bekommt den echten Wirkstoff, die andere eine Zuckerpille (oder ein anderes Placebo). Dann vergleichen die Wissenschaftler die beiden Gruppen. Das Medikament erhält erst dann eine Zulassung, wenn es deutlich besser abschneidet als das Placebo.

Als nun einer seiner Doktoranden – ein junger Israeli namens Guy Sapirstein – mit einem Vorschlag auf ihn zukam, war Kirsch zwar interessiert, aber nicht in heller Aufregung. Sapirstein erklärte, ihn treibe die Neugier um. Wenn man ein Medikament nimmt, gibt es neben der chemischen Wirkung immer auch einen gewissen Placeboeffekt. Aber in welchem Maße ist er an der Wirkung beteiligt? Bei starken Medikamenten geht man in der Regel davon aus, er sei nur geringfügig. Sapirstein meinte, die neuen Antidepressiva eigneten sich sehr gut dazu, die genauen Verhältnisse zu erforschen – und zu sehen, inwieweit die Wirksamkeit eines Medikaments auf unseren Glauben zurückzuführen ist. Sie gingen davon aus, bei ihren Studien festzustellen, dass der Großteil der Wirkung chemisch bedingt sei, fanden es jedoch auch interessant, den geringfügigeren Placeboeffekt zu untersuchen.

Daraufhin entwickelten sie ein recht einfaches Konzept. Will man wissen, welcher Anteil der Wirkung eines Medikaments, das man einnimmt, durch die darin enthaltenen Chemikalien und welcher Anteil durch den Glauben an seine Wirkung erzeugt wird, lässt sich dies ziemlich leicht feststellen. Die Forscher müssen dazu eine spezielle wissenschaftliche Studie durchführen. Die Teilnehmer werden in drei Gruppen aufgeteilt. Den Patienten der ersten Gruppe sagt man, sie erhielten ein chemisches Antidepressivum – aber in Wirklichkeit bekommen sie ein Placebo: eine Zuckerpille, so wirksam wie John Haygarths Zauberstab. Die Teilnehmer der zweiten Gruppe erfahren, dass sie ein chemisches Antidepressivum erhalten – und erhalten es tatsächlich. Und die dritte Gruppe bekommt gar nichts – kein Medikament und keine Zuckerpille, das Befinden der Teilnehmer wird lediglich über einen längeren Zeitraum hinweg beobachtet.

Die dritte Gruppe, so Kirsch, ist wirklich wichtig – obwohl sie bei fast allen Studien weggelassen wird. »Stellen Sie sich vor«, erklärt er, »dass Sie ein neues Mittel gegen Erkältung erforschen.« Dabei erhalten die Leute entweder ein Placebo oder ein Medikament. Im Lauf der Zeit erholen sich alle. Die Erfolgsrate ist erstaunlich. Aber dann erinnert man sich, dass eine Erkältung bei vielen Menschen ohnehin nach ein paar Tagen abklingt. Wenn man das nicht berücksichtigt, erhält man einen völlig irreführenden Eindruck über die Wirksamkeit des Mittels, denn es scheint, als seien Patienten durch das Medikament geheilt worden, während sie einfach von selbst wieder gesund wurden. Man braucht die dritte Gruppe, um den Anteil jener Menschen herauszufinden, die sich ohne Hilfe von außen erholen.

Also verglichen Kirsch und Sapirstein die Ergebnisse aller bisher veröffentlichten Studien zu Antidepressiva für diese drei Gruppen. Um die chemische Wirkung eines Medikaments zu ermitteln, sollte man zweierlei tun. Erstens muss man alle Menschen abziehen, die sich ohnehin erholt hätten. Dann zieht man all jene ab, deren Befinden sich nach Einnahme des Placebos besserte. Was übrig bleibt, verrät die tatsächliche Wirksamkeit des Medikaments.

Als die beiden Forscher anschließend die Zahlen aus allen öffentlich zugänglichen wissenschaftlichen Studien zusammenzählten, erhielten sie ein verblüffendes Ergebnis.

Es zeigte sich, dass fünfundzwanzig Prozent der Wirkung von Antidepressiva auf natürliche Selbstheilung zurückzuführen waren, fünfzig Prozent wurden durch die Geschichte bewirkt, die man zu hören bekam, und nur fünfundzwanzig Prozent gingen auf die chemischen Inhaltsstoffe zurück. »Das hat mich verdammt überrascht«, erklärte mir Kirsch im Wohnzimmer seines Hauses in Cambridge. Sie nahmen an, es sei ihnen ein Fehler unterlaufen oder sie hätten sich verrechnet. Wie Sapirstein mir später berichtete, war er sicher, dass »mit den Daten etwas nicht stimmte«. Deshalb gingen sie die Zahlen monatelang immer wieder durch. »Ich war es so leid, diese Daten und Tabellenkalkulationen anzusehen und sie auf jede erdenkliche Weise zu prüfen«, sagte er. Aber irgendwo musste der Fehler ja stecken. Doch da Sapirstein und Kirsch keine Mängel fanden, veröffentlichten sie ihre Daten und warteten ab, was andere Wissenschaftler davon hielten.

Die Folge war, dass Kirsch eines Tages eine E-Mail erhielt, aus der er schloss, dass sie möglicherweise nur an der Oberfläche eines viel tiefer greifenden Skandals gekratzt hatten. Das war, denke ich, der Augenblick, in dem Kirsch zum Sherlock Holmes der Antidepressiva wurde.

* * *

In der E-Mail erklärte ein Wissenschaftler namens Thomas J. Moore, Kirschs Ergebnisse hätten ihn aufgerüttelt und er glaube, es gebe eine Möglichkeit, die Forschung weiter voranzutreiben – und den tatsächlichen Vorgängen auf den Grund zu gehen. Fast alle von Kirsch bisher herangezogenen wissenschaftlichen Studien hatten einen Haken. Die große Mehrzahl der Studien über die Wirksamkeit von Medikamenten wird von den großen Pharmaunternehmen finanziert, und sie beschäftigen sich aus einem bestimmten Grund damit: Sie wollen die betreffenden Mittel vermarkten, um Gewinne zu erzielen. Deshalb führen die Medikamentenhersteller ihre Studien heimlich durch und veröffentlichen anschließend nur jene Ergebnisse, die ihr Medikament gut oder das Produkt ihrer Konkurrenten schlecht aussehen lassen. Das tun sie aus demselben Grund, warum die Betreiber eines Hähnchengrills Informationen zurückhalten würden, die besagen, dass Brathähnchen Ihrer Gesundheit schaden.

Das bezeichnet man als »Publikationsverzerrung«. Von allen Studien, die Pharmafirmen durchführen, werden vierzig Prozent niemals veröffentlicht, und viele weitere erscheinen nur in gekürzter Form, wobei negative Ergebnisse der Schere des Zensors zum Opfer fallen.

Die E-Mail seines Kollegen machte Kirsch darauf aufmerksam, dass er bisher nur jene Teile der wissenschaftlichen Studien betrachtet hatte, die für unsere Augen bestimmt sind. Aber Thomas J. Moore meinte, es gebe eine Möglichkeit, Zugang zu all den Daten zu bekommen, die uns die Pharmafirmen vorenthalten. Und das geht so: Wer auf dem US-Markt ein Medikament verkaufen möchte, muss bei der Food and Drug Administration (FDA), der zuständigen Behörde für Lebens- und Arzneimittel, einen Antrag stellen. Dabei sind alle Tests, die das Unternehmen durchgeführt hat, vollständig vorzulegen – ob sie nun umsatzfördernd sind oder nicht. Das ist, als würden Sie Selfies machen und von den zwanzig Aufnahmen neunzehn aussortieren, die Sie mit Doppelkinn oder triefäugig zeigen. Auf Facebook oder Instagram posten Sie nur das eine Foto, auf dem Sie großartig aussehen (oder, in meinem Fall, weniger scheußlich). Aber die Pharmafirmen sind – per Gesetz – verpflichtet, der FDA quasi alle Selfies zu schicken, auch die, auf denen sie alt aussehen.

(Continues…)


Excerpted from "Der Welt Nicht Mehr Verbunden"
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