Die Macht der Affäre. Warum wir betrügen und was wir daraus lernen können.: Ein Buch für alle, die schon einmal geliebt haben

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Overview

»Es gibt keine klügere Sexualtherapeutin. Ihr neues Buch öffnet eine neue Perspektive auf Untreue.« GRAZIA

Es passiert überall auf der Welt, jetzt gerade, in diesem Moment: Ein Mensch geht fremd. Nichts löst im Beziehungsleben eines Paares mehr Angst, mehr Heimlichtuerei und zugleich mehr Faszination aus als ein One-Night-Stand oder eine Affäre. Untreue gilt als der ultimative Verrat am Partner, und sie kann uns alles rauben: eine geliebte Person, unser Glück, unseren Selbstwert, unsere Identität.
Warum aber gehen Menschen fremd, sogar in glücklichen Beziehungen? Sind bestimmte Affären schwerer zu verkraften als andere? Was sagen sie über unsere Sehnsüchte und Ängste und nicht zuletzt über die Zeit aus, in der wir leben? Die renommierte Paartherapeutin Esther Perel geht den drängendsten Fragen nach und eröffnet eine neue Sichtweise auf das Thema. Einfühlsam zeigt sie, dass Affären nicht das Ende einer Beziehung sein müssen, sondern auch ein neuer Anfang sein können.

  • »Mit ihrem unverstellten, modernen und erfahrenen Blick führt uns Esther Perel zurück auf unsere tiefsten Neigungen und erinnert uns an unsere Bestimmung, uns als Liebhaber zu verbinden sowie eine Beziehung zu retten, bevor wir sie fallenlassen. Dem Himmel sei Dank für diese Frau!« Lena Dunham
  • »Sie ist der Guru in Beziehungsfragen – und die erste Person, die ich um Rat fragen würde.« Cara Delevingne
  • »Wunderbar. Ein brillantes und intelligentes Plädoyer für komplexe Sichtweisen, Verständnis – und wie in jedem ihrer Bücher – für einen achtsamen Umgang miteinander.« Alain de Botton
  • »Endlich ein Buch, das einen frischen Blick auf Untreue wagt und dabei nicht nur nützlich ist, sondern richtig unterhaltsam.« Diane von Fürstenberg
  • »Mit spitzer Ehrlichkeit, scharfer Beobachtungsgabe und Leidenschaft nähert sich Perel dem Chaos und Schmerz zerbrochener Beziehungen … Wenn Ihre Ehe in Schwierigkeiten geraten würden, würden Sie sich über ihre Hilfe freuen.« Guardian
  • »[Esther Perel] wirft nicht mit Gemeinplätzen um sich und liefert auch keine Schulter zum Ausheulen – sie ist viel zu sehr damit beschäftigt, dich aufzurütteln und dir deine Kräfte, deine Vitalität und deinen Einfluss auf alles vor Augen zu führen, was in deiner Ehe passiert.« The New York Times
  • »Klug arbeitet Esther Perel heraus, was Menschen dazu bringt, zu betrügen – und was auf Paare zukommt, wenn eine Affäre ans Licht kommt.« dpa
  • »Ein Wachmacher.« Gong

 

Product Details

ISBN-13: 9783959678155
Publisher: HarperCollins Publishers
Publication date: 03/08/2019
Sold by: Readbox
Format: NOOK Book
Pages: 384
File size: 2 MB

About the Author

Die Psychologin und Paartherapeutin Esther Perel zählt zu den einflussreichsten und innovativsten Stimmen zur modernen Liebe und Partnerschaft. Ihre berühmten TED-Talks wurden bereits 18 Millionen Mal geklickt, und in den letzten zehn Jahren hat sie in ihrer New Yorker Praxis hunderten Paaren geholfen, sich mit ihren Erfahrungen von Untreue erfolgreich auseinanderzusetzen. Ihre Bücher wurden bereits in 24 Sprachen übersetzt. In ihrem US-Bestseller DIE MACHT DER AFFÄRE verknüpft sie konkrete Beispiele aus ihrer Arbeit als Therapeutin mit maßgebenden Forschungsergebnissen der Psychologie und Kulturanalyse und eröffnet ihren Lesern so einen erkenntnisreichen Einblick auf das, was wir heute Liebe nennen.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Ehe und Untreue

Ein neuartiger ialog

Es würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen, die inneren Zusammenhänge der Widersprüche in der menschlichen Natur zu erklären, die zuweilen der Liebe selbst das verzweifelte Aussehen des Verrats verleihen. Und vielleicht gibt es auch keine Erklärung dafür.

Joseph Conrad, Lebenserinnerungen

Es passiert überall auf der Welt, jetzt gerade, in diesem Moment: Irgendwer betrügt oder wird betrogen, irgendwer überlegt, eine Affäre zu beginnen, irgendwer steht Betroffenen mit Rat und Tat zur Seite, und irgendwer ist in einer Dreiecksbeziehung der oder die heimliche Dritte. Kein Aspekt im Beziehungsleben eines Paares löst mehr Angst, mehr Heimlichtuerei oder auch mehr Faszination aus als ein Seitensprung. Der Seitensprung aber existiert, seit es die Ehe als Institution gibt, und damit auch das klare Tabu gegen ihn. Er zieht sich durch die Geschichte der Menschheit hindurch, wurde gesetzlich geregelt, politisch debattiert und dämonisiert. Doch aller Verunglimpfungen zum Trotz ist der Untreue eine Beständigkeit zu eigen, von der so manche Ehe nur träumen kann. Die Ressentiments ihr gegenüber halten sich sogar so beharrlich, dass sie die einzige Sünde ist, die in den Zehn Geboten der Bibel gleich zweimal benannt ist einmal als aktive Tat (Du sollst nicht ehebrechen) und noch einmal als bloßer Gedanke daran (Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib).

In allen Gesellschaften, auf allen Kontinenten, zu allen Zeiten und ungeachtet aller Sanktionen und Abschreckungsmittel haben Männer wie Frauen die ihnen gesetzten Schranken der Ehe übertreten. Fast überall, wo Menschen heiraten, ist Monogamie die offizielle Norm und Untreue die heimliche Sünde. Was also ist zu halten von diesem altherkömmlichen Tabu der Untreue, die universell verboten ist und doch allseits praktiziert wird?

Seit sechs Jahren diskutiere ich diese Fragen, und zwar nicht nur hinter den verschlossenen Türen meiner Praxis, sondern praktisch überall - im Flieger, auf Partys, auf Konferenzen, im Nagelstudio, mit Kollegen, mit meinen Kabeltechnikern und natürlich auch in den sozialen Medien. Von Pittsburgh bis Buenos Aires, von Neu-Delhi bis Paris, überall betreibe ich meine eigenen ergebnisoffenen Studien zum Thema des heutigen Fremdgehens.

Wo immer auf der Welt ich das Wort »Untreue« in den Mund nehme, reichen die Reaktionen von scharfer Verurteilung über resignierte Akzeptanz und verhaltenes Mitgefühl bis hin zu unverhohlener Begeisterung: In Bulgarien hält eine Gruppe von Frauen die Treulosigkeit ihrer Männer offenbar für unselig, aber unabänderlich. Bei einem Abendessen in Paris erhitzt das Thema prompt die Gemüter, und ich staune, wie viele Menschen aus eigenem Erleben mitreden können. In Mexiko sehen Frauen den Anstieg außerehelicher Affären auf weiblicher Seite stolz als eine Form der sozialen Rebellion gegen eine chauvinistische Kultur, die den Männern seit jeher die Möglichkeit gab, an zwei Orten zu Hause zu sein: la casa grande y la casa chica– ein Zuhause bei der Familie und eines bei der Geliebten. Untreue mag allgegenwärtig sein, doch die Art und Weise, wie wir sie begreifen, sie definieren und darunter leiden, hängt letztlich auch damit zusammen, zu welcher Zeit und an welchem Ort auf der Welt sich das Drama entfaltet.

Ich will Sie etwas fragen: Welche Begriffe, Assoziationen und Bilder kommen Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie an Untreue denken? Verändern sich diese, wenn ich die Begriffe »Liebesaffäre« oder »Romanze« gebrauche? Wenn ich von »Rendezvous«, »Seitensprung«, »Bettgeschichte« oder »Freund mit gewissen Vorzügen« spreche? Reagieren Sie dann anders, ablehnender oder vielleicht sogar verständnisvoller? Wohin tendiert Ihr Mitgefühl: zu den Betrogenen, den Betrügern, den Geliebten, zu den Kindern? Und haben sich Ihre Reaktionen vielleicht aufgrund eigener Erlebnisse verschoben?

Unsere innere Einstellung zu außerehelichen Affären ist tief in unserer kulturellen Psyche verankert. In den USA, wo ich lebe und arbeite, sind die Meinungen darüber fast durchweg impulsiv aufgeladen und stark polarisiert.

»Untreue? Das geht gar nicht«, sagt der eine. »Einmal Betrüger, immer Betrüger.«

»Komm schon«, entgegnet der andere. »Monogamie ist einfach nicht normal.«

»So ein Quatsch«, erwidert eine dritte Stimme. »Wir sind doch keine rolligen Katzen. Wir sind erwachsene Menschen.«

Ein Mix aus scharfer Verurteilung und süßer Verlockung – so wird der Seitensprung in den amerikanischen Medien verkauft. Mit reißerischen Titeln lockt uns die Boulevardpresse unter fremde Bettdecken, während sie zugleich eine heuchlerische Doppelmoral zelebriert. Als Gesellschaft insgesamt sind wir heute sexuell offener denn je, übersexualisiert fast, doch wenn es um sexuelle Treue geht, kennen selbst noch so liberale Geister oft kein Pardon. Es ist kurios, aber während wir glauben, die Untreue durch unsere insistente Missbilligung unter Kontrolle zu halten, lassen wir außer Acht, wie weit verbreitet sie wirklich ist. Untreue gibt es nach wie vor – eine Tatsache, die wir nicht ändern können, sehr wohl aber können wir uns darauf verständigen, dass es sie nicht geben dürfte. Teile der Gesellschaft fordern öffentliche Schuldeingeständnisse und gieren zugleich nach den geschmacklosen Details dieser Liaison. Untreue zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten, kommt in höchsten politischen Kreisen vor ebenso wie bei Lieschen von nebenan und verheißt Narzissmus, ein doppeltes Spiel, Unmoral und Niedertracht. Aus dieser engen Perspektive betrachtet, lässt sich eine Affäre unmöglich als bloße Grenzüberschreitung, als belangloser Ausrutscher oder als die wahre Liebe fassen.

Folgende Aussagen dominieren den aktuellen Diskurs: Untreue ist ein Symptom dafür, dass in der Beziehung etwas nicht stimmt. Denn wenn du alles hast, was du brauchst, wozu willst du dich dann woanders vergnügen? Männer betrügen aus Langeweile und Angst vor vertrauensvoller Nähe. Frauen betrügen aus Einsamkeit und Hunger nach vertrauensvoller Nähe. Der treue Partner gilt als verbindlich, reif und charakterfest; wer fremdgeht, verhält sich egoistisch, unreif und unbeherrscht. Ein Seitensprung richtet immer Schaden an, ist einer Ehe niemals förderlich und mit nichts zu entschuldigen. Der einzige Weg, verlorenes Vertrauen und Nähe wiederherzustellen, führt über eine offene Aussprache, Reue und Vergebung. Und zu guter Letzt: Eine Scheidung dient der Selbstachtung mehr als Reuegefühle.

Der moralisierende Ton der aktuellen Debatte geht tendenziell dahin, das »Problem« an der Unfähigkeit der Paare oder Individuen aufzuhängen, und weicht somit den größeren Fragen aus, die das Phänomen in seiner ganzen Tragweite erfassen könnten. Untreue sagt eine Menge über die Ehe aus – nicht nur über Ihre eigene, sondern über die Ehe als Institution. Das Thema führt uns tief hinein in das Anspruchsdenken unserer Zeit, in der wir uns bestimmte Privilegien einfach herausnehmen. Bilden wir uns wirklich ein, wir könnten die enorme Verbreitung von Untreue auf ein paar wenige Sünder reduzieren? Oder dass Millionen von Fremdgehern krankhaft veranlagt sind? Sicherlich nicht.

Dafür oder dagegen?

Ein Seitensprung lässt sich nur schwer wertneutral beschreiben. Lange Zeit waren sexuelle Fremdgänge mit dem Makel der Schande behaftet, und zwar so umfassend, dass sich kaum Wörter finden lassen, die nicht daran anklingen. Die vorhandenen Begriffe machen das Tabu und das Stigma, das die Untreue repräsentiert, regelrecht hörbar. Während Poeten von Liebhabern, Geliebten und Liebesabenteuern sprechen, gehören zum begrifflichen Vokabular der meisten Menschen Wörter wie Betrüger, Lügner, Verräter, Nymphomanin, Aufreißer, Weiberhelden, Nutten, Schlampen und dergleichen mehr. Der gesamte Wortschatz dreht sich um die moralische Achse einer verwerflichen Tat, die nicht nur unsere Wertung derselben widerspiegelt, sondern diese Wertung auch befördert. Adultery, der englische Begriff für Ehebruch oder Seitensprung, leitet sich ab vom lateinischen adultero, was »Ehebruch treiben« oder auch »Verderbtheit« bedeutet. Auch wenn ich bemüht bin, eine differenziertere Perspektive in diese Thematik einzubringen, bin ich mir der Begrenztheit der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten hierbei sehr wohl bewusst.

Ein ausgewogener, wertfreier Dialog ist auch unter Therapeuten nicht unbedingt die Regel. Die klinische Psychologie beschreibt Affären fast durchweg im Hinblick auf den angerichteten Schaden und konzentriert sich entweder auf vorbeugende Maßnahmen oder auf das Krisenmanagement danach. Auffällig häufig wird dabei auf eine Sprache zurückgegriffen, die sich kriminalisierender Begrifflichkeiten bedient. So etwa wird der treue Partner oft als der »verletzte« oder »betrogene« Part bezeichnet und der untreue Partner als »Täter«. Im Allgemeinen gibt es aufseiten der »Betrogenen« eine große Anteilnahme, aufseiten der »Betrüger« detaillierte Tipps und Ratschläge zur Rettung der Beziehung, damit der betrogene Partner das erlittene Trauma überwinden kann.

Einer Affäre auf die Schliche zu kommen kann alles zerstören; kein Wunder, dass die meisten Menschen sich dazu berufen fühlen, Partei zu ergreifen. Sobald ich erzähle, dass ich gerade dabei bin, ein Buch über Untreue zu schreiben, kommt fast immer die Frage: »Bist du dafür oder dagegen?« - als gäbe es nur diese beiden Optionen. »Ja«, sage ich dann nur. Hinter dieser sinnigen Antwort steckt mein aufrichtiger Wunsch, einen Dialog über sexuelle Untreue und die damit einhergehenden Dilemmata anzustoßen, der wesentlich nuancierter und weniger wertend ist. Die Unwägbarkeiten der Liebe und Begierde passen nicht in einfache Kategorisierungen von Gut und Böse, von Opfer und Täter. Um eines klar zu sagen: Etwas nicht zu verurteilen heißt nicht, etwas gutzuheißen. Ob ich Verständnis für ein Verhalten aufbringe oder dieses rechtfertige, ist ein himmelweiter Unterschied. Wenn wir aber den Dialog schlicht darauf reduzieren, Wertungen abzugeben und Urteile zu fällen, wird es am Ende keinen echten Dialog geben.

Und es wird keinen Raum geben für Menschen wie Benjamin, einen sanftmütigen Gentleman Anfang siebzig, der nach einem meiner Vorträge in Los Angeles auf mich zukam. »Spricht man auch dann von Betrügen, wenn die eigene Frau deinen Namen nicht mehr weiß?«, fragte er. »Meine Frau hat Alzheimer. Seit drei Jahren ist sie im Pflegeheim, wo ich sie zweimal die Woche besuche. Seit vierzehn Monaten treffe ich mich mit einer anderen Frau. Ihr Mann ist auf dem gleichen Stockwerk wie meine Frau untergebracht. Wir geben einander sehr viel Trost und Kraft.« Benjamin gehört wohl zu den nettesten »Betrügern«, die mir je begegnet sind, und er ist beileibe kein Einzelfall. Viele Menschen kümmern sich liebevoll um ihren Partner, auch wenn sie ihn betrügen, ganz so wie viele Betrogene ihren Partner weiterhin lieben und nach Wegen suchen, mit ihm zusammenzubleiben.

Für all diese Menschen gebe ich mein Bestes, einen einfühlsamen und effektiven Ansatz im Umgang mit Untreue zu finden. Die meisten von uns stellen sich einer Affäre als ein traumatisches Erlebnis vor, das sich nie mehr rückgängig machen lässt. Und in der Tat kann eine Affäre einer Beziehung den Todesstoß versetzen. Manchmal aber regt sie zum Handeln an und gibt Antrieb zu Veränderungen, die die Beziehung dringend brauchte. Ein Verrat trifft bis ins Mark, aber die Wunde kann heilen und einer Partnerschaft neuen Antrieb geben.

Da ich glaube, dass aus der Krise infolge einer Affäre auch etwas Gutes entstehen kann, werde ich oft gefragt: »Dann empfehlen Sie unglücklichen Paaren also einen Seitensprung, damit es wieder besser läuft?« Meine Antwort? Viele Patienten, die eine Krankheit im Endstadium erlebt haben, berichten von einer positiven, lebensverändernden Erfahrung, die damit einhergeht. Daher würde ich einen Seitensprung wohl ebenso wenig empfehlen wie eine unheilbare Krebserkrankung.

Waren Sie schon einmal von Untreue betroffen?

Bei meinen ersten Vorträgen zum Thema Untreue habe ich mein Publikum gefragt, ob jemand darunter schon eine Affäre erlebt hat. Klar, dass die Hände nicht nach oben schnellten. Wer gibt schon gerne öffentlich zu, zu betrügen oder betrogen worden zu sein?

Also änderte ich meine Fragestellung: »Wie viele von Ihnen waren schon einmal von Untreue betroffen?« Und nun gingen tatsächlich viele Hände nach oben, was bis heute jedes Mal passiert, wenn ich diese Frage stelle. Eine Frau bekam im Zug zufällig mit, wie der Mann einer Freundin eine fremde Schönheit küsste. Das brachte sie in arge Gewissensnöte, denn sie überlegte hin und her, ob sie ihrer Freundin davon erzählen sollte oder nicht. Eine Jugendliche fand heraus, dass das Doppelleben ihres Vaters so alt war wie sie selbst. Eine Mutter kann nicht begreifen, wieso ihr Sohn bei »diesem Flittchen« (wie sie ihre Schwiegertochter nennt) geblieben ist, die beim gemeinsamen sonntäglichen Mittagessen nicht länger erwünscht ist. Das Echo aus Geheimnissen und Lügen hallt durch alle Generationen und klingt in unerwiderten Liebesgefühlen und gebrochenen Herzen nach. Eine Affäre ist nicht nur eine Geschichte mit zwei oder drei Akteuren, nein, sie schließt ganze Netzwerke in sich ein.

Die Fremdgeher sind vielleicht nicht ganz so schnell dabei, in aller Öffentlichkeit die Hand zu heben, erzählen mir ihre Geschichten aber oft später unter vier Augen. Viele nehmen mich auf Partys zur Seite oder kommen in mein Büro, um sich ihre Geheimnisse, Verdächtigungen, geheimen Wünsche oder verbotenen Liebschaften von der Seele zu reden.

Die meisten dieser Geschichten sind sehr viel banaler als die, die für große Schlagzeilen sorgen: keine Babys, die aus Affären hervorgehen, keine Geschlechtskrankheiten oder aufdringlichen Ex-Lover, die Geld abpressen (wobei man in so einer Situation bei einem Anwalt wohl besser aufgehoben wäre als bei einem Therapeuten). Und ja, natürlich begegnen mir auch Narzissten, sexuelle Allesfresser, rücksichtslose, egoistische oder rachsüchtige Menschen. Ich erlebe extreme Formen der Täuschung, wo ahnungslose Partner wie vor den Kopf geschlagen sind, wenn sie plötzlich hinter Zweitfamilien, geheime Bankkonten, schonungslose Promiskuität und ein raffiniert ausgeklügeltes Doppelleben kommen. Ich sitze Männern und Frauen gegenüber, die mich die gesamte Therapiesitzung hindurch schamlos anlügen. Viel häufiger aber erlebe ich jede Menge engagierte Partner, Männer wie Frauen, mit einer langen Beziehungshistorie und geteilten Werten (darunter sehr häufig auch sexuelle Monogamie), deren Geschichten sich entlang eher unscheinbarer Lebensbahnen entfalten. Einsamkeit, Jahre der sexuellen Flaute, Verbitterung, Reue, Ehe-/Beziehungsfrust, vergangene Jugend, Gier nach Anerkennung und Aufmerksamkeit, Flugausfälle, ein Glas zu viel – all diese Dinge erhöhen die Gefahr eines Seitensprungs, ganz nach dem Motto »Gelegenheit macht Liebe«. Doch viele von ihnen hadern schwer mit sich und ihrem Verhalten und wenden sich hilfesuchend an mich.

Die Motive für das Fremdgehen sind höchst unterschiedlich, ebenso wie die Reaktionen und möglichen Folgen daraus. Affären passieren, obwohl wir uns dagegen wehren, und manchmal auch, ohne dass wir uns dagegen wehren. Manch einer mag die Grenze für ein kleines Abenteuer überschreiten, während der andere sich mit Abwanderungsgedanken trägt. Fremdgehen kann eine Art Rebellion sein, angefacht durch ein Gefühl von Überdruss und Langeweile, der Lust auf Abwechslung, oder um auszutesten, ob man noch anziehend wirkt. Andere sprechen von einem nie gekannten Gefühl – von einer überwältigenden Empfindung der Liebe, der sie sich nicht verwehren können. So paradox es klingen mag, aber viele gehen fremd, um die eigene Beziehung zu erhalten. Wenn Beziehungen aus dem Ruder laufen, kann eine bewusste Grenzüberschreitung produktive Kräfte entfalten. Eine Affäre kann ein Alarmsignal ertönen lassen, der eigenen Beziehung dringend mehr Aufmerksamkeit zu widmen, oder sie kann einer Beziehung, die ohnehin im Sterben liegt, die Totenglocke läuten. Affären sind Akte des Verrats, aber auch Ausdruck von Sehnsucht und Verlust.

(Continues…)


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